Zürich - die Welt im Kleinen

Die vielbesungene Züricher Barlandschaft ist bespickt mit international bekannten Namen. Auch sie räumte fleißig ab bei den Schweiz-dominierten Mixology Bar Awards 2019. Ich reiste in die Stadt am See und fand eine verblüffend vielseitige Szene vor.



Nach meinen Recherchen (oder auch Sauftouren, je nachdem wen man fragt) in anderen Schweizer Städten zieht es mich nun zur größten Stadt der Eidgenossenschaft. “Zürich ist die Schweiz im Kleinen”, sagt man. Malerisch am Zürichsee zwischen sanften Bergen gelegen, durchzieht allerlei Flüssiges die Stadt. Limmat, Sihl und Schanzengraben begrenzen und durchkreuzen die Innenstadt vielerorts. Und dort, wo sich die Fließe am engsten drängen tun dies auch die Wasserlöcher hochwertigen Trinkgenusses. Ähnlich den unterschiedlichsten Zuständen und Erscheinungsformen von Wasser ist auch die Zür’cher Barlandschaft überaus divers.


cold as ice


An den Ufern der Limmat beginnend versinnbildlicht die Kronenhalle wunderbar stilsicher Prunk und Pathos. Hier finden wir bei Drinks der ganz klassischen Schule die Bar-Entsprechung der Schweizer Hochfinanz oder Uhrenbaukunst-Präzision. Trotz effizienter Gastfreundschaft wird gezielt eine höfliche Distanz gewahrt. Und selbst die hemdsärmelig gern das “Du” benutzende Berliner Göre “Siezt” hier gerne. Im besten Sinne ein Ort des arrivierten Genusses also. In welchem man als Gast zwischen Holzvertäfelung gerne Anzug trägt und 50er-Jahre spielt.

Ebenso kalkuliert kühl wird am anderen Ufer der Limmat - auf offenem Wasser läge es in Rufweite - gastgefreundelt. Dem Thema dieses Artikels in die Hände spielend finden wir in der Bar Am Wasser ähnlich hohe Cocktailgüte. Doch wo in der Kronenhalle der vielleicht liebenswerte Staub des Alten Europa in die Nase steigt, liegt hier der übertünchende Goldstaub des Neureichen. Feine Polster, edler Steinboden und livrierter Service locken nicht nur die nahen Börsianer an. Auch ärztlich begradigten Nasen und osteuropäische Akzente scheint dieses Interieur zu schmecken. Schmecken tun auf jeden Fall auch die Drinks, welche mit Schweizer Präzision auf den Punkt gemixt werden. Der Service ist ebenso flott wie informiert, erklärt und reicht die modernen und klassischen Drinks punktgenau. Ein schöner Ort für schöne Menschen mit schönen Aktienfondsplänen - die gerne beim Weltklassedrinks-trinken gesehen werden.



Be water, my friend.


Uns von diesem Trinktempel verabschiedend stoßen wir unser Martiniglas-Boot mit Oliven-Holzstäbchen vom Ufer ab - bergauf zur Old Crow. Inmitten von abendlichen Genießern schaukeln wir so durch kleine Gassen und Gässchen, navigieren versteckte Plätze, mittelalterliche Hausdurchgänge und umströmen Kirchen. Um endlich in der Alten Krähe mit allerlei Volk Schultern reiben, Plätze tauschen und unfreiwillig anstoßen zu können. Hier darf man Mensch sein, alle sind füreinander und miteinander da. “Ein gemütliches Almhüttchen!” so schiene einem, wäre es nicht in die Jahrhunderte alten Gemäuer gegraben. Auch die Drinks und die Spirituosenauswahl sind wohlsortierter als auf Almen. Es vermischen sich auf Menüs selten erblickte Klassiker zwischen einer Vielzahl von eigenen Kreationen mit findig verwortspielten Namen. Hier muss der Service aufgrund erhöhtem Durstdruck all dieser Gäste flott und daher herzlich handfest sein. “Mehr davon!” denken wir und entströmen lieber weiter weg vom hochpolierten Bankenviertel. Der Wunsch, mehr vom handwerklichen, Mensch-Mensch-sein-lassen-Zürich zu sehen treibt uns daher weiter entlang der Rinnsale der Innenstadt - hin zur Tales Bar. Genau so prominent besetzt wie die bisherigen Wasserlöcher finden wir hier die bisher kleinste Barkarte vor. Konzentriert wird der Gastgeschmack auf überaus ungewohnte, teils vergessene Klassiker und deren Neuinterpretationen geleitet. Zum seltenen Royal Bermuda Yacht Club gesellt sich hier auch ein Drink namens “Königlich-Bayrischer Segelclub”. Schöne Ideen werden unprätenziös zügig zubereitet und alle Gäste willkommen geheißen. Und während draußen Lamborghinis mit Anfang-Dreißigjährigen an roten Ampeln Benzin und Testosteron verschleudern, finden wir hier auf niedrigen Polstern mit Spitzenhandwerk zubereitete Entschleunigung.


Stromschnellen

Gen Norden - zur Spitze der Zür’cher Innenstadtinsel - treibt es uns nach dieser kurzen Verschnaufpause. Hoch schlagen inzwischen die Wellen des zunehmend wilden Straßenvolks. In der Nähe des Hauptbahnhofs entdecken wir die künstlerische, selbst die anarchische Seite der Stadt. Viel passierte hier seit eh und je in der eng zusammen stehenden Kunst- und Hausbesetzerszene. Und obwohl Selbige immer weiter aus der Innenstadt verdrängt wird, mischen sich vor und unter dem Bahnhof Nachtschwärmer jeglicher Couleur. Korallenriffgleich kreuzen sich hier die Wege der reichen Schnösel, jungen Rocker, Kunstbewegten und Säufer. Billigbier auf der Ubahntreppe ist nur wenige Ruderschläge von teuren Cocktails entfernt. Vorbei an all dem treibt es uns in die schon gehörig alkoholgeschwängerte Bar Spitz im Schweizer Nationalmuseum. Mitternacht verstreicht gerade, doch haben hier Gäste wie Bartender schon Schlagseite. Die Barhocker links und rechts von uns scheinen in Seegang geraten zu sein. Und auch das Personal benötigt Hilfe, uns Leichtmatrosen zu entdecken.

Die Getränkekarte hingegen ist innovativ und trägt eine merklich jüngere, wissensdurstigere Handschrift als alle bisher hier gesehenen. Es fällt ähnlich schwer, auszuwählen wie zu genießen. Da die Zubereitung scheinbar ebenso unter Wellengang litt. Nicht so balanciert und pointiert wie erhofft, sind die gewählten Drinks sicherlich gut, aber nicht überragend. Wir erfreuen uns jedoch des uns umgebenden Schauspiels der wilden Züricher Bohème: Kaufleute, Piraten, Dirnen und ziellose Matrosen würde diese Mischung wohl zu Robert Louis Stevenson’s Zeiten geheißen haben.

Dankbar über die zunehmend einsetzende Eskalation entscheiden wir uns für noch mehr Realismus, Schmutz und jugendlichen Überschwang. Und setzen über in Richtung Langstraße.



Unter Dampf

Denn einer der langjährigen Fixsterne für alle Cocktailabenteurer erlebt den nächsten Frühling: Raygrodski. Etwas abseits der Szenekieze behauptet sich die Sihlfeldstraße mit immer neuen, quirligen Eröffnungen. Das Raygrodski brachte schon diverse hochkarätige Bartender hervor. Trotz derer Abgänge findet sich auch jetzt ein vor Energie sprühendes Team zusammen. Oktopus-gleich fabriziert das noch sehr junge Ensemble in atemberaubendem Tempo mannigfaltige Drinks. Ein ausschließlich aus Eigenkreationen bestehendes Barmenü offenbart Wortwitz, Schaffensfreude und Selbstbewusstsein.

Trotz mehreren simultan arbeitenden Bartendern ist es vor der Bar noch voller als dahinter und die Musik schickt sich an, den Schalter in Richtung Klub umzulegen. Der DJ steht hinter der Bar und über den Dingen während alle anderen in Arbeit, Gesprächen oder dem generellem Tohuwabohu versinken.

Unser Gehirn vernebelt es langsam und so entscheiden wir uns für einen Schlummertrunk beim Zür’cher Rum-Paten Pascal Kählin. Inmitten des Langstraßen-Bezirks liegt diese Bar seit Jahr und Tag nur wenige Schritte von Pascal’s vorzüglichem Schnapsladen entfernt. Bordsteinschwalben, irrlichternde Matrosen und Transsexuelle umschiffend erreichen wir den sicheren Hafen Bar 63. Um fest zu stellen, dass ein Schlummertrunk hier allzu müde nicht machen wird. Es ist schon lange nach Mitternacht, für Züricher Verhältnisse sehr spät. Doch die Bar ist innen wie außen noch in vollem Schwung. Generell scheint die Langstraße später ins Bett zu gehen - und dann meist auch nicht allein.

Also rein in die gute Stube und an Rum-orientierten Cocktails rumprobiert. Glücklich sind wir, in diesen letzten beiden Läden auch noch ein ganz anderes Züri kennen zu lernen. Ab von Hochfinanz und Hochglanz entfaltete sich vor uns eine Stadt der Vielfalt, der Kunst, auch des Alternativen. Vielleicht nicht schillernd, aber sicherlich glänzend und polarisierend kann gesagt werden: “Zürich ist die Welt im Kleinen.”

Durch Genuss, Streit und auch Delirium segelt in dieser Bar gerne unser Geist davon. Während unsere Finger elegante Gläser, gefüllt mit in Europa selten gefundenen Rum-Präziosen, balancieren…




Dieser Artikel erschien erstmalig in der Mixology Online im Dezember 2019.

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