Jerewan - Cocktails bei den Erfindern des Weins

Ein Land ohne Zugang zum Meer, gelegen auf einem sehr trockenen Hochplateau, umgeben von drei Schurkenstaaten und verstrickt in einen Krieg: keine guten Voraussetzungen für eine pulsierende Barkultur. Oder etwa doch? Auf der Suche nach dem nächtlichen Puls der Hauptstadt Armeniens: Jerewan.


Armenien nimmt ähnlich viel Fläche ein wie Brandenburg und zählt vergleichbar viele, nun: wenige Menschen. Verstärkt wird diese dünne Besiedlung noch durch die Hauptstadt Jerewan, welche mehr als ein Drittel der in Armenien Lebenden auf sich vereint. Dies sorgt natürlich für ein großes Bevölkerungsungleichgewicht. Doch stellt sich dies als Glück heraus. Denn ein substantieller Teil der Landbevölkerung baut Früchte, Kräuter und Wein an. Wohingegen die Jerewantsi genannten Einwohner der Hauptstadt diese genießen - und zunehmend auch in Mischgetränken konsumieren wollen!



Die Wiege des Weins

Vor geschätzt 6.200 Jahren wurde am Fuße des Ararat der erste Wein der Welt angebaut und kultiviert. Die Ararat Valley genannten Hänge des beeindruckend aus der Hochebene stechenden Berges tragen auch heute noch reichlich Früchte. Und auch wenn der Gipfel des Nationalsymbols zum Schmerze der Armenier aktuell in der Türkei liegt: seine Hänge versorgen seine Armenischen Kinder reichlich mit Trauben und dessen Most.

Für uns untypische Sorten wie Areni oder Kangun bilden hier das Rückgrat der lokalen Weinkultur, komplimentiert von diversen Burgundern. Dadurch ergibt sich eine unübliche Geschmackslandschaft, welche sich auch in den Destillaten widerspiegelt. Und die Armenische Geschichte ist voll von Zeugnissen der Destillation. Lange Zeit passierte dies eher in privaten Hinterzimmern. Doch spätestens seit dem Erfolg des Russen Shustoff mit der Brandy-Herstellung haben Destillate im großen Maßstab Fuß fassen können. In der Spirituosen-Ostblockfolklore wird gerne wiederholt, dass Shustoffs Branntwein-Etikettierung als Cognac legal ist. Doch ist dies Stoff für eine andere Geschichte. Jedoch wollen wir zwingend festhalten, wie hochwertig “Konjak”-Brände aus den Häusern Noy, Ararat oder vielen nur lokal erhältlichen Klein-Destillerien sein können. Welche trotz erhöhter Süße mit Komplexität und Tiefe teils sehr hoch punkten.


Mixtur in Brand und Barszene

Auch die Welt des Oghi (sprich: Ouhrri) genannten Brandes soll kurz beleuchtet werden. Diese nicht klar definierte Art armenischen Wodkas wird aus lokalen Früchten wie Aprikosen, hier allerorts verfügbaren Kornelkirschen, meist jedoch Trauben oder Maulbeeren gebrannt. Es werden volle Früchte aber auch Trester genutzt - mal wird in Holz oder Stahl, oft jedoch nicht gelagert. Dementsprechend vielseitig ist die Geschmackspalette. Im zungenbrechenden Ort Yeghegnadzor befindet sich beispielsweise der internationale Medaillen einsammelnde, handwerklich produzierende Weinbauer von Old Bridge. Er produziert auch eine Kleinserie von aus ganzen Trauben gebrannten, sieben Jahre in Karabach-Eiche gelagerten Oghi in kleinen Mengen. Die lokale, rote Traubensorte namens Areni überzeugt hier mit Struktur und aufgrund Ihrer langen Fermentationsphase wunderbar zweiseitiger Melange aus Trester- und Weinbrand.

Doch finden sich solch starke Produkte auch in der lokalen Barszene? Wie steht es nun um die Barkultur dieses weinschweren Landes? Angesichts der Bevölkerungsverteilung lassen sich natürlich alle Bars nur in Jerewan finden. Angenehm ballen sie sich fußläufig innerhalb der nördlichen Hälfte der kreisförmig angelegten Innenstadt. Zwischen vom Perserreich gestifteten Moscheen und aus rosa Stein gemauerter, hundertjähriger Sozialarchitektur findet sich hier eine lebendige Jazzszene. Sie untermalt Bartender, welche sich schon Einiges von der Küche abgucken: Sirups selber machen, fat-washing ausprobieren, Milchpunch verstehen. Die Szene ist sicherlich noch nicht so aufgeweckt wie beispielsweise in Kiew, Lwiw oder Moskau. Doch findet sich hier mehr Dynamik als in Tiflis. Denn dort spielt eher großes Geld eine Rolle und Hotelbars machen auf Kosten der Authentizität das Rennen. In Jerewan hingegen finden wir viele besitzergeführte Restaurants und Bars und erfreuen uns an liebevollen Details.


Quo vadis?

Hervorzuheben sind hierbei auf jeden Fall Narek Baghdasaryan mit seiner Bar Daboo. Allabendlich werden parallel zu detailliert zubereiteten Drinks und gutem Essen permanent die Trocknungsgeräte laufen gelassen, wird Sirup hergestellt oder Fässer zum holzaltern befüllt. Man merkt Narek seine Begeisterung an, wenn er über seine Profession redet. Und wie er sich um seine Gäste müht um vorsichtig - Gast für Gast, Satz für Satz - den Gospel gemixter Getränke zu verbreiten. Bei ihm finden sich vor allem Gäste im Alter um 25 Jahre. Die junge Generation sucht nach Abwechslung und ist offen, lokale Zutaten auch neu interpretiert zu genießen.

Ebenso präsentiert sich die Klientel bei Simona. Hier spielt jeden Abend ein DJ vor allem Rap-Platten. In unseren Breiten einerseits nichts Neues, andererseits kein gutes Omen für hohen Bargenuss. In Simona hingegen wird selbst für erfahrene Rap-Ohren Unbekanntes, Hochwertiges unter die Nadel gebracht. Und spiegelt damit auch die Arbeit des Bartenders Gor Ghazaryan wider. Denn gerne verwendet auch er wie Narek lokale Ingredenzien. Und scheut sich nicht davor, Ararat Konjak (lies: “Brandy”) flächendeckend einzusetzen. Auch in diesem, von der Ausstattung an einen Partykeller erinnernden, Ort versinkt eine junge Klientel in den niedrigen Polstern. Zahlt allerdings gerne das Premium für wirklich ansehnliche und teils komplexe Mixturen.


Fazit

In Armenien arbeiten dynamische Bartender mit jungen, doch teils international erfahrenen Köchen wie Araik Amzayan zusammen. Welche die Erfahrung hochwertiger Ausbildung gerne mit lokalen Produkten paaren. Und dieses Wissen auch in die Bars bringen wollen!

Bisher glücken aus diesem input nur wenigen Bars armenisch-lokale Klassiker. Ein toller Drink ist beispsielsweise der aprikosenschwangere Apricota des gelungenen Bar-Restaurant-Konzepts Epicure. Doch ist die Qualität der Barszene schon ansehnlich und das Herz für Mischgetränke schlägt immer stärker. In einem Land, dessen Blut seit Jahrtausenden der Wein und Weinbrand von den Hängen des Ararat ist.



Dieser Artikel erschien erstmalig im November 2018 in der Mixology Online.

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